Wie wir über Einsätze sprechen, prägt unser Handeln: Prof. Dr. Sascha Bechmann zeigte in der Ringvorlesung „Wissen rettet Leben“, warum der Begriff „Bagatelleinsatz“ kritisch hinterfragt werden muss. Sein Vortrag machte deutlich, wie Sprache Wahrnehmung und professionelle Entscheidungen im Rettungsdienst beeinflusst – und welche Chancen in einem erweiterten Notfallverständnis liegen.
Im Rahmen der rettungswissenschaftlichen Ringvorlesung „Wissen rettet Leben“ widmete sich Prof. Dr. Sascha Bechmann dem sprachlichen Deutungsmuster des „Bagatelleinsatzes“ und dessen Bedeutung für das professionelle Selbstverständnis im Rettungsdienst. Der Online-Vortrag zeigte eindrucksvoll, wie Sprache Wahrnehmung, Bewertung und letztlich auch professionelles Handeln beeinflusst.
Prof. Dr. Sascha Bechmann ist Professor für Berufspädagogik mit den Schwerpunkten Kommunikation und Interprofessionalität an der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf. Nach seiner Tätigkeit als Rettungsassistent, Lehrrettungsassistent und Praxisanleiter für Notfallsanitäter*innen verbindet er langjährige Praxiserfahrung mit sprach-, gesundheits- und medizinwissenschaftlicher Forschung. Im Vortrag machte er deutlich: „Solange wir Einsätze in ‚echte Notfälle‘ und ‚Bagatellen‘ sortieren, bleiben wir in einem moralischen Schema hängen. Wenn wir den Notfall-Begriff neu bestimmen und ‚Bagatelle‘ als Zuschreibung entlarven, öffnen wir den Raum für Rollen, Kompetenzen und Strukturen, die der realen Einsatzwirklichkeit gerecht werden – und genau das ist ein Kern von Professionsentwicklung im Rettungsdienst.“
Sprache prägt professionelles Handeln
Ausgangspunkt des Vortrags war die These, dass Sprache nicht lediglich Wirklichkeit beschreibt, sondern sie zugleich mitgestaltet. Anhand sprachwissenschaftlicher Konzepte – unter anderem nach Ludwig Wittgenstein – verdeutlichte Bechmann, dass Begriffe ihre Bedeutung vor allem durch ihren Gebrauch erhalten. Gerade im Rettungsdienst beeinflusse die verwendete Sprache daher maßgeblich, wie Einsätze eingeordnet, Patient*innen wahrgenommen und professionelle Entscheidungen getroffen werden. Vor diesem Hintergrund plädierte der Referent dafür, zentrale rettungswissenschaftliche Begriffe kontinuierlich zu hinterfragen und an die veränderte Einsatzrealität anzupassen.
„Bagatelleinsatz“ als subjektive Zuschreibung
Im Mittelpunkt stand die kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff „Bagatelleinsatz“. Anhand verschiedener Beispiele zeigte Bechmann, dass sich eine eindeutige Trennung zwischen „echten Notfällen“ und vermeintlichen Bagatellen kaum treffen lässt. Ob psychosoziale Krisen, chronische Erkrankungen, subjektiver Leidensdruck oder Versorgungsdefizite – viele Einsatzanlässe lassen sich nicht auf klassische medizinische Kriterien reduzieren. Besonders überraschend war die Erkenntnis, dass der Begriff „Bagatelle“ keine objektive Beschreibung eines Einsatzes darstellt, sondern stets eine subjektive und bewertende Zuschreibung ist. Anstelle einer dichotomen Einordnung schlug Bechmann daher ein Kontinuum unterschiedlicher Hilfebedarfe vor, das sowohl objektive medizinische Gefährdung als auch subjektive Dringlichkeit berücksichtigt.
Chance für die Professionsentwicklung
Auf dieser Grundlage entwickelte der Referent gemeinsam mit Prof. Thomas Hofmann von der HSD einen erweiterten Notfallbegriff, der subjektive und objektive Zwangslagen gleichermaßen berücksichtigt. Dadurch werde deutlich, dass viele als „Bagatellen“ bezeichnete Einsätze vielmehr Ausdruck komplexer gesundheitlicher, sozialer oder struktureller Problemlagen seien. Eine professionsorientierte Neubestimmung des Notfallbegriffs eröffne dem Rettungsdienst neue Handlungsspielräume – etwa für Community Paramedics, integrierte Versorgungsmodelle oder erweiterte Kompetenzen in der psychosozialen Ersteinschätzung. Gleichzeitig stärke sie die Eigenständigkeit der Rettungswissenschaft als Profession, indem sie ihre zentralen Begriffe selbst definiert und weiterentwickelt.
In der anschließenden Diskussion wurden unter anderem Fragen zur praktischen Umsetzung eines erweiterten Notfallbegriffs, zu möglichen Auswirkungen auf Disposition und Versorgungsstrukturen sowie zur Rolle der Sprache in der Ausbildung von Rettungsfachpersonen diskutiert. Die Teilnehmenden nahmen zahlreiche Impulse mit, um sprachliche Deutungsmuster im eigenen Berufsalltag kritisch zu reflektieren und den Begriff des Notfalls differenzierter zu betrachten.
Nächster Vortrag am 15. Juli 2026 um 15:30 Uhr
Die Ringvorlesung Rettungswissenschaften wird am 15. Juli 2026 mit dem Online-Vortrag „Lernprozessbegleitung im Rettungsdienst – Zwischen Anspruch und Wirklichkeit“ fortgesetzt. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Lernprozesse im rettungsdienstlichen Alltag professionell begleitet und nachhaltig gestaltet werden können.











