Rettungswissenschaft trifft auf Pflegewissenschaft: Geriatrische Qualifizierung als Schlüssel für eine bessere Versorgung

Im Rahmen der rettungswissenschaftlichen Ringvorlesung stand diesen Monat das aktuelle Thema „Geriatrische Versorgung – Nicht einfach nur alt“ im Fokus. Unter Berücksichtigung des demografischen Wandels und des kontinuierlichen Anstiegs der Lebenserwartung nimmt die Bevölkerungsgruppe der älteren Menschen signifikant zu. Folglich ist bei Rettungseinsätzen eine zunehmende Prävalenz geriatrischer Patient*innen in der Einsatztätigkeit beteiligter Personen festzustellen, was die Erweiterung des klinischen Erfahrungsspektrums im Umgang mit dieser Patient*innengruppe impliziert.

Alter ist nicht gleich Alter

Der Vortrag des Gerontologen  Prof. Dr. Thomas Gehr (HSD) machte deutlich, dass Alter keineswegs gleich Alter sei: „Diese Lebensphase ist von einer enormen Heterogenität geprägt, und ältere Patientinnen und Patienten weisen höchst unterschiedliche, individuelle Anforderungen und Bedarfe auf.  Es gilt daher, die große Variabilität sowie die verbleibenden Ressourcen der Betroffenen genau in den Blick zu nehmen.“ Am Beispiel einer Frau mit 90 Jahren, die gern in Fitnessstudio geht, und einer 75-Jährigen, die immobil und im Heim lebt, wurde der Unterschied besonders greifbar.

Hochkomplexe Aktusituationen als Herausforderung

Für den Rettungsdienst bedeutet dies eine Zunahme hochkomplexer Akutsituationen, die sich stark vom medizinischen „Lehrbuch“ jüngerer Patienten unterscheiden. Mittels spezifischer geriatrischer Assessments und differenzierter Screenings gilt es, so der Referent, Vulnerabilitäten (wie z. B. Frailty oder kognitive Einschränkungen) und komplexe Bedarfskonstellationen zu identifizieren, um entsprechende Behandlungsinterventionen einzuleiten. Da Notrufe häufig nicht rein medizinischer Natur, sondern stark durch soziale Notlagen mitgeprägt seien, sollten nach Ansicht von Gehr diese Faktoren zwingend in die Therapie- und Behandlungsplanung einfließen.

Kooperationsmodell von Rettungsdienst und Altenhilfe

Als zukunftsweisender Lösungsansatz wurde ein erfolgreich erprobtes Kooperationsmodell zwischen dem Rettungsdienst und der kommunalen Altenhilfe vorgestellt, durch das betroffene Patient*innen nachhaltig zu Hause stabilisiert werden können. Da jede Situation anders ist und einfache Standards in der Regel nicht greifen, betonte Prof. Dr. Gehr: "Um den komplexen Anforderungen insbesondere geriatrischer Patient*innen und deren Angehörigen gerecht zu werden, müssen wir Versorgung neu denken: Weg von starren Grenzen, hin zu einer wohnortnahen, interdisziplinären und sektorenübergreifenden Zusammenarbeit direkt vor Ort in den Städten und Kommunen."

Das Fazit der Vorlesung: Das Ziel sollten mehr individuelle Lösungen durch den gezielten Ausbau ambulanter Netzwerke sowie eine fundierte geriatriespezifische Qualifizierung von Gesundheitsfachpersonen sein.

Nächster Vortrag am 01. Juli 2026 um 15:30 Uhr

In unserer kommenden Vorlesung steht der Online- Vortrag „Der ‚Bagatelleinsatz' als Deutungsmuster: Zum Verhältnis von Sprache und Professionsverständnis" von Prof. Dr. Sascha Bechmann auf dem Programm. Er zeigt, wie der sprachliche Begriff des „Bagatelleinsatzes" im Rettungsdienst das professionelle Selbstverständnis, Bewertungsmuster und die interprofessionelle Zusammenarbeit prägen – und lädt dazu ein, Sprache als bewusstes Werkzeug für Haltung, Qualität und Patientenzentrierung kritisch zu reflektieren: Zur Anmeldung.

Ringvorlesung Rettungswissenschaften 2026Gesamtprogramm 

Prof. Dr. Thomas Gehr sensibilisierte in seinem Online-Vortrag die an einem Rettungseinsatz beteiligten Personen für die besonderen Herausforderungen im Umgang mit geriatrischen Patient*innen. Foto: HSD.