
Professionsbezogene politische Bildung: Educast zu Hebammen in Auschwitz und Ravensbrück
Welche Bedeutung hat die Geschichte der eigenen Profession für die Ausbildung heutiger Gesundheitsberufe? Und wie kann die Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Holocaust so in den Fachunterricht integriert werden, dass historische Urteilsbildung, professionelle Selbstreflexion und politische Bildung miteinander verbunden werden?
Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der eigenen Profession ist ein wichtiger Bestandteil historisch-politischer Bildung in den Gesundheitsberufen. Daraus ergibt sich der Auftrag, die Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust auch professionsbezogen in Ausbildung und Studium aufzugreifen. Einen konkreten Zugang dazu bietet der Educast „Hebammen in Auschwitz und Ravensbrück“, den Prof. Dr. Amelie Altenbuchner von der HSD gemeinsam mit Andreas Hastreiter von der OTH Regensburg und Christiane Hinum von der Hochschule Landshut entwickelt hat.
„ Der Educast soll dazu anregen, sich mit der Geschichte der eigenen Profession auseinanderzusetzen, historisches Handeln und Handlungsspielräume differenziert zu betrachten und danach zu fragen, welche Bedeutung diese Auseinandersetzung für professionelle Identität und politische Urteilsbildung in den Gesundheitsberufen haben kann“, erklärt Prof. Dr. Amelie Altenbuchner. Das 37-minütige Audioformat zeichnet das Handeln vierer inhaftierter Hebammen nach und ordnet ihre Entscheidungen in die Gewalt- und Zwangsstrukturen der Konzentrationslagern Auschwitz und Ravensbrück ein.
Geschichte im Fachunterricht
Schwangerschaft und Geburt waren im System der Konzentrationslager zunächst nicht vorgesehen – doch fanden sie statt. Quellen berichten von katastrophalen Bedingungen: Geburten fanden ohne ausreichende medizinische Versorgung, ohne fließendes Wasser und unter Hunger, Kälte und Gewalt statt. Zugleich waren Schwangere und Neugeborene der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik ausgesetzt. Im Mittelpunkt des Educasts stehen vier inhaftierte Hebammen mit unterschiedlichen Biografien und Handlungskonstellationen: Stanisława Leszczyńska, Klara Kerkow, Gerda Quernheim und Josefine Pöllinger.
Im Zentrum stehen keine einfachen Zuordnungen zu Kategorien wie “Täterin”, “Mitläuferin” oder “Retterin”. Die vier Biografien werden vielmehr in ihren jeweiligen biografischen und historischen Kontexten betrachtet. Dadurch werden unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten, Zwänge, Verantwortungszuschreibungen und Deutungsprobleme sichtbar, ohne die Unterschiede zwischen den konkreten historischen Positionen einzuebnen.
Ein Baustein für den Fachunterricht
Der Educast ist als Baustein für die Aus-, Fort- und Weiterbildung in Gesundheitsberufen konzipiert. Entscheidend ist seine Einbettung in den Fachunterricht, der historische Kontextualisierung, Quellenkritik und Reflexion miteinander verbindet. Je nach Lehr-Lern-Kontext können daran Fragen nach professioneller Identität, Handlungsspielräumen, Verantwortung und den historischen Voraussetzungen beruflichen Handelns angeschlossen werden.
Historisch-politische Bildung didaktisch rahmen
Die Arbeit mit dem Educast erfordert eine sensible didaktische Rahmung. Orientierung bieten dabei sowohl Grundsätze politischer Bildung, insbesondere das Überwältigungsverbot und die Förderung selbstständiger Urteilsbildung, als auch Empfehlungen der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) zum Lehren und Lernen über den Holocaust. Dazu gehören historische Kontextualisierung, ein reflektierter Umgang mit Quellen und Sprache sowie die Berücksichtigung der Perspektiven der Verfolgten.
Präsentation bei den Lernwelten
Prof. Dr. Altenbuchner stellte das Konzept am 14. und 15. September 2026 bei den Lernwelten an der Technischen Universität Dresden vor. Die Tagung stand unter dem Motto „Stand up & Teach – Bildung in Gesundheitsberufen zwischen Haltung & Verantwortung“ und brachte Lehrende, Forschende sowie Vertreter*innen der beruflichen Praxis zusammen.
Die Posterpräsentation zeigte, wie sich die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Gesundheitsberufe mit professionsbezogener politischer Bildung verbinden lässt.
Professionsbezogener Zugang zur Geschichte
Der Educast ist kostenfrei zugänglich und als Baustein professionsbezogener historisch-politischer Bildung konzipiert. Er ermöglicht es, die Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust ausgehend von der Geschichte der eigenen Profession zu erschließen und damit fachliche, historische und politische Bildung miteinander zu verbinden. Er kann sowohl in bestehende Lehrveranstaltungen und Unterrichtseinheiten integriert als auch mit weiterführenden historischen Quellen und Bildungsangeboten verknüpft werden.
Ausblick
An die Entwicklung des Educasts schließen sich Forschungsfragen an: Untersucht werden kann beispielsweise, welche Irritationen und Fragen die Auseinandersetzung bei Lernenden auslöst, welche Bezüge sie zu ihrem professionellen Selbstverständnis herstellen und welche weiterführenden Lernbedarfe daraus entstehen. Prof. Dr. Altenbuchner plant in Kooperation mit dem Hebammenstudiengang der HS Landshut diesen Fragen in einem Lernforschungsprojekt nachzugehen.
Zum Educast:
Der Educast ist kostenlos und kann u.a. auf Spotify gehört werden: Hebammen in Auschwitz und Ravensbrück - ein Educast - Wiederhören | Podcast on Spotify


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