Lernprozesse individuell begleiten: Lernberatung in der Notfallsanitäter*innen-Ausbildung

Vom Wissenserwerb zur umfassenden Handlungskompetenz

Im Rahmen der rettungswissenschaftlichen Ringvorlesung „Wissen rettet Leben“ stellte Patrick Sosnowski seine berufspädagogischen Überlegungen zur Lernberatung in der Ausbildung von Notfallsanitäter*innen vor. Ausgangspunkt war die Entwicklung des Rettungsdienstes von einer vorwiegend transportorientierten Tätigkeit hin zu einem komplexen Berufsfeld, in dem Notfallsanitäter*innen eigenverantwortlich handeln, anspruchsvolle Entscheidungen treffen und ihre Kompetenzen über das gesamte Berufsleben hinweg weiterentwickeln müssen.

Patrick Sosnowski ist selbst Notfallsanitäter und Lehrender am Notfallbildungszentrum Eifel-Rur. Als Absolvent des Bachelorstudiengangs Pädagogik für den Rettungsdienst verbindet er praktische Erfahrungen aus dem Rettungsdienst mit einer berufspädagogischen Perspektive. Seine zentrale Forderung:

„Lernprozessbegleitung sollte integraler Bestandteil des pädagogischen Grundverständnisses von Lehrenden und Bildungseinrichtungen in der Notfallsanitäterausbildung werden, um der Individualität von Lernprozessen gerecht werden zu können.“

Unterschiedliche Voraussetzungen benötigen individuelle Lernwege

Im Mittelpunkt des Vortrags stand die Frage, wie Lernberatung als fester Bestandteil eines berufsfelddidaktischen Konzepts in die Notfallsanitäter*innen-Ausbildung integriert werden kann. Grundlage bildeten eine Literaturrecherche sowie eine Befragung von Auszubildenden zu lernfördernden und lernhemmenden Faktoren, methodischen Vorgehensweisen sowie Erfahrungen mit Assessment und Kompetenzmessung.

Die Ergebnisse verdeutlichten, dass Auszubildende sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen. Alter, berufliche Vorerfahrungen, persönliche Lebensumstände, Motivation und individuelle Lernstrategien beeinflussen den Ausbildungsprozess erheblich. Hinzu kommen Belastungen wie Prüfungsstress, fehlende Orientierung und Unsicherheit bezüglich der Anforderungen. Lernprozesse sollten deshalb nicht ausschließlich für einen gesamten Klassenverband geplant, sondern auch individuell begleitet werden.

Bemerkenswert war, dass die Fähigkeit zum lebenslangen Lernen zwar ausdrücklich zu den Anforderungen der Notfallsanitäter*innen-Ausbildung gehört, Lernkompetenz im Ausbildungsalltag und in den gesetzlichen Vorgaben jedoch vergleichsweise wenig konkret ausgestaltet ist. Genau an dieser Stelle kann eine kontinuierliche Lernberatung ansetzen: Sie unterstützt Auszubildende dabei, eigene Lernstrategien zu erkennen, Lernhindernisse zu bearbeiten und zunehmend Verantwortung für den eigenen Kompetenzaufbau zu übernehmen.

Lernberatung statt Defizitorientierung

Sosnowski machte deutlich, dass Lernberatung nicht erst dann beginnen sollte, wenn Prüfungen nicht bestanden oder fachliche Defizite sichtbar werden. Sie ist vielmehr als prozessbegleitendes und ressourcenorientiertes Angebot zu verstehen. Dabei stehen nicht einzelne Unterrichtsinhalte, sondern die lernende Person und ihr individueller Lernprozess im Mittelpunkt.

Konkrete Anlässe können beispielsweise fehlende Motivation, Zeitprobleme, Lernblockaden oder die Erfahrung sein, trotz hohen Lernaufwands keine ausreichenden Ergebnisse zu erzielen. Gemeinsam mit den Lernenden gilt es, den jeweiligen Unterstützungsbedarf zu klären, individuelle Lernwege zu entwickeln, Ziele zu vereinbaren und den weiteren Prozess kontinuierlich zu reflektieren. Dadurch sollen insbesondere Selbststeuerung, Eigenverantwortung und die Fähigkeit zum lebenslangen Lernen gestärkt werden.

Ein für viele Teilnehmende neuer Aspekt war, dass ressourcenorientierte Lernberatung durch Schulsozialarbeit sinnvoll ergänzt werden kann – insbesondere dann, wenn der pädagogische Handlungsrahmen der Lehrenden erschöpft ist. So können psychosoziale Belastungen professionell aufgefangen werden, ohne die Grenzen der pädagogischen Rolle zu überschreiten.

Neue Anforderungen an Lehrende und Bildungseinrichtungen

Eine wirksame Lernprozessbegleitung verändert auch die Rolle der Lehrenden. Neben der Vermittlung fachlichen Wissens übernehmen sie zunehmend beratende und coachende Aufgaben. Dieser Rollenwechsel kann jedoch Konflikte hervorrufen, da Lehrkräfte gleichzeitig begleiten, bewerten und Prüfungsleistungen beurteilen müssen. Umso wichtiger sind ein vertrauensvoller und empathischer Rahmen sowie klar definierte Grenzen des pädagogischen Handelns.

Auch die Bildungseinrichtungen selbst sind gefordert. Prozessbegleitende Lernberatung benötigt verlässliche zeitliche und personelle Ressourcen, ein gemeinsames pädagogisches Grundverständnis und entsprechend qualifizierte Lehrende. Bei psychosozialen Belastungen, die über den pädagogischen Aufgabenbereich hinausgehen, sollte zudem eine Zusammenarbeit mit Schulsozialarbeit oder psychotherapeutischen Angeboten ermöglicht werden.

Als zentrale Empfehlungen formulierte Patrick Sosnowski deshalb die Einbindung von Lernberatung in zukünftige didaktische Konzepte der Notfallsanitäter*innen-Ausbildung, gezielte Fort- und Weiterbildungen für Lehrende sowie eine stärkere institutionelle Verankerung unterstützender Angebote.

Nächster Vortrag am 19. August über palliativmedizinische Versorgung

Die Ringvorlesung Rettungswissenschaften wird am 19. August 2026 mit dem Online-Vortrag „Palliativmedizinische Versorgung anhand von Fallbeispielen“ von Prof. Dr. Fabian Ludwig fortgesetzt. Der Vortrag vermittelt Grundlagen der Palliativmedizin und zeigt praxisnah, wie Symptomkontrolle, die Begleitung von Patient*innen und Angehörigen sowie schwierige Entscheidungen gestaltet werden können.

Zur Anmeldung: Vortrag Palliativmedizinische Versorgung

Ringvorlesung Rettungswissenschaften 2026 – Gesamtprogramm: https://www.hs-doepfer.de/events/ringvorlesung-rettungswissenschaften-2026

Patrick Sosnowski zeigte im Rahmen der rettungswissenschaftlichen Ringvorlesung, wie Lernberatung Auszubildende dabei unterstützen kann, individuelle Lernstrategien zu entwickeln und Verantwortung für den eigenen Lernprozess zu übernehmen. Foto: Heinz & Mayke Mrosek