HSD im Gespräch: Markus Feilner, Sprecher Scientists For Future Deutschland

Herr Feilner, Sie sind Pressesprecher der Scientists for Future Deutschland. Wie verstehen Sie Ihre Rolle in der Kommunikation zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit?

Nun, ich komme ja aus dem Technikjournalismus, war viele Jahre als stellvertretender Chefredakteur bei zwei großen Fachmagazinen tätig und arbeite jetzt seit vielen Jahren „in der PR“ für IT-Firmen. Aber der Journalismus hat mich nie losgelassen. Ich schreibe immer noch und publiziere auch jedes Jahr eine größere, investigative Story. In den fast zwei Jahren meines Ehrenamts habe ich gelernt, dass Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsjournalismus sich deutlich vom Technikjournalismus unterscheiden.

Bei letzterem war es stets so, dass man sich als Redakteur, Journalist oder Autor in die Materie einarbeitet, testet und konfiguriert, und so Expertenwissen aufbaut. Damit geht man dann zu Expert*innen und holt weitere Details ein. Gegenüber den Leser*innen ist man quasi selbst Experte, weil man sich beispielsweise langwierig etwas erarbeitet und zum Laufen gebracht hat, was nur wenige andere geschafft haben – mit Hilfe von Expert*innen, Programmierer*innen und anderen, die der Presse Rede und Antwort stehen. Das gelingt den Heimanwender*innen eher selten.

Im Wissenschaftsjournalismus oder in der Pressearbeit ist das anders: Dort ist klar, dass die Wissenschaftler*innen die Expert*innen sind. Journalist*innen übersetzen allgemeinverständlich und finden die passenden Expert*innen und die richtigen Fragen. Sie sind jedoch nicht selbst Expert*innen in der Materie, sondern zunächst eine Art von Berichterstatter*innen. Eigenes Testen und „Hand anlegen“ ist hier eher selten gefragt.

Welche Aufgaben und Herausforderungen bringt die Position als Sprecher eines wissenschaftlichen Netzwerks mit sich?

Interessant für mich war, wie anders eine Grass-Roots-NGO hier funktioniert. Es gibt einen Verein als Träger, und an vielen Stellen ganz viel Demokratie und Eigenengagement. Ich hatte das Glück, beim Onboarding ganz viel Hilfe von kompetenten und engagierten Menschen zu erhalten, so dass ich binnen weniger Monate ein klein wenig Infrastruktur aufbauen helfen konnte.

Heute haben wir einen Presseverteiler mit über 300 Pressevertreter*innen (und deren Einverständnis!), eine Pressewebseite nach aktuellem Standard und nutzen für den Versand Werkzeuge der akademischen Netzwerke

Wir haben Menschen, die sich um die sozialen Netzwerke kümmern, und ein Team für den Webauftritt. Aber ein eigenes Team für die Pressearbeit gibt es bisher nicht – das muss ich weitgehend allein stemmen. Manchmal ist das als Einzelkämpfer mit Job und eigener Firma ziemlich herausfordernd.

Wie gelingt es Ihnen, komplexe wissenschaftliche Inhalte verständlich und zielgruppengerecht zu vermitteln?

Meine Zielgruppe sind Journalist*innen, die sich bereit erklärt haben, alle paar Wochen – maximal ein- bis zweimal im Monat – eine E‑Mail mit einer Studie von uns zu erhalten. Ich sehe das als mehrstufigen Prozess: Zunächst steht die wissenschaftliche Studie, darauf folgen Abstract und Zusammenfassung, die in der Regel bereits kürzer und allgemeinverständlicher formuliert sind.

Die Pressemitteilungen (= PM) selbst erhalten dann – je nach Zeit und Aufwand, den wir investieren können – einen Begleittext per E‑Mail, gelegentlich auch formatiert als PDF und mit ein oder mehreren ansprechenden Abbildungen, in der Hoffnung, Leser*innen und Journalist*innen für die Materie zu gewinnen. Die PM formulieren wir gerne mit Bezug zu aktuellen Ereignissen oder anderen Presseberichten, um „tagespolitische Relevanz“ herzustellen. Immer wieder tauchen aber auch ältere Pressemitteilungen in den Medien auf – kürzlich etwa im „Spiegel“, wo sich ein Redakteur auf eine ein Jahr alte PM von uns bezog.

Inhaltlich bin ich sehr froh, dass wir sowohl auf einen internen Verteiler für die vielen Fachgruppen der S4F mit ihren Expert*innen als auch auf die Regionalgruppen zurückgreifen können, in denen sich die Mitglieder lokal organisieren. Sie unterstützen immer gerne beim Review und Korrekturlesen und finden dabei noch zahlreiche Tippfehler und andere Ungenauigkeiten – das ist äußerst hilfreich.

Mit welchen Medien haben Sie schon zusammengearbeitet, und welche zentralen Erwartungen oder Anliegen werden von journalistischer Seite an Sie herangetragen?

Diesen Kanal nutzen wir auch, um Veranstaltungen der S4F anzukündigen – etwa unseren Bundeskongress in Leipzig im Juni – oder im Nachgang darüber zu berichten. Pressemitteilungen sind ja nur ein Teil der Arbeit. Häufig kommen Wissenschaftler*innen oder Fachgruppen auf mich zu, die etwas veröffentlichen möchten. Der zweite typische Fall, der etwa einmal im Monat vorkommt, sind Anfragen von Medien wie der Frankfurter Rundschau, Radio- oder Fernsehsendern – gelegentlich sogar der BILD-Zeitung –, ob ich ihnen einen Expert*in zu Thema X vermitteln kann.

In der Regel muss das sehr kurzfristig passieren – der Journalismus kennt da kaum Vorlaufzeiten. Das stellt mich vor Herausforderungen, weil ich das S4F-Postfach mit überwachen muss, um schnell reagieren zu können. Meistens klappt das allerdings sehr gut.

Welche Kommunikationsformate sind aus Ihrer Sicht besonders wirksam, um wissenschaftliche Perspektiven sichtbar zu machen?

An vorderster Stelle stehen heute alle audiovisuellen Formate, denke ich. Man merkt das, wenn man Harald Lesch, Christian Stöcker (Spiegel) oder auch Maja Göpel, Claudia Kemfert und Eckart von Hirschhausen einmal live auf oder neben der Bühne erlebt. Das sind Medienprofis, die genau wissen, wie man komplexe Themen präsentieren kann.

Auf dem Bundeskongress der S4F konnte man das bei Lesch und Stöcker sehen – vor allem aber bei dem von Volkswagen preisgekrönten Vortrag von Christoph Ebels zur „Kernschmelze der Demokratie“ (YouTube-Video). Da herrscht Stille im Raum, und das Publikum hängt den Vortragenden regelrecht an den Lippen.

Ebenso erfolgreich sind gut gemachte Podcasts, etwa die vom Deutschlandfunk Nova, „Die Lage der Nation“ oder auch das „Klima-Update“, um nur einige zu nennen.

So schade es ist, dass immer weniger Menschen lesen (wollen oder können), so wichtig ist es, kurze, knappe und wirksame Botschaften zu finden. Auf dem Bundeskongress lautete ein Fazit der Abschlussveranstaltung „Wir wollen stacheliger werden“ – das hat mir sehr gefallen, weil ich ja die Übersetzerrolle vom neutralen Wissenschaftsdeutsch hin zu allgemeinverständlichen und alltagsrelevanten Fakten einnehmen soll.

Inwiefern hat Ihr beruflicher Hintergrund – insbesondere im Bereich IT – Ihren Zugang zur Wissenschaftskommunikation geprägt?

Ich habe beim Linux-Magazin noch die Ehre genossen, jedes Jahr für ein paar Wochen zur Akademie der Bayerischen Presse in München geschickt zu werden. Das war immer ein Heidenspaß und zugleich unglaublich intensives Lernen. Was ich dort für mein Hobby, die Fotografie, gelernt habe, möchte ich nicht missen.

Die wichtigste Einsicht war jedoch eine andere: Zusammen mit Journalist*innen aus der ganzen Bandbreite von Magazinen und Tageszeitungen habe ich gelernt, dass Journalismus und die Arbeit mit Texten ein glasklares Handwerk sind, das man erlernen kann – ganz unabhängig von Talent und Veranlagung. Eine gute Schreibe kann auch das Ergebnis harter Arbeit, des Studiums von Berichten und Büchern sowie von Gesprächen mit erfahrenen Kolleg*innen sein.

Sie sind in Regensburg verankert: Welche Rolle spielt Ihre Heimatstadt für Ihr Engagement und Ihre Perspektive auf Wissenschaftskommunikation?

Anker ist genau das richtige Wort. Hier ist mein „safe space“ – hier ahnt niemand etwas von all dem, was ich sonst so treibe, worüber ich recherchiere oder woran ich gerade arbeite.

Wenn ich gelegentlich für lokale Blogs schreibe, spricht mich oft direkt jemand an, der normalerweise nichts von meinen anderen Aktivitäten weiß. Das schätze ich sehr – der Unterschied zwischen Tech-Konferenzen, auf denen mich viele kennen und ich Keynotes halte, und meiner Heimat könnte kaum größer sein. Gerade diese Diskrepanz empfinde ich als großen Gewinn.

Was motiviert Sie persönlich, sich als Sprecher von Scientists for Future zu engagieren?

Ich bin froh, etwas gefunden zu haben, wo ich meine Fähigkeiten, Fertigkeiten und mein Netzwerk sinnvoll und hilfreich einbringen kann. Eine Community, in der unfassbar gute Expert*innen auf mich zukommen und mich um Rat fragen – das haut mich immer noch um und gibt mir das Gefühl, nicht ganz so rat- und tatlos zu sein in Bezug auf den Klimawandel. 

Wussten Sie, dass sich gerade heute eine Mehrheit der Deutschen große Sorgen wegen des Klimawandels macht? Zwei Drittel wünschen sich laut aktuellem ARD-Deutschlandtrend mehr Klimaschutz. Ich hoffe, dass ich mit meiner Arbeit für die Scientists for Future dazu beitragen kann, noch mehr Fakten und Argumente „unter die Leute“ zu bringen, damit sich diese schweigende Mehrheit lauter und erfolgreicher artikulieren kann. Für die NGO selbst ist das allerdings nicht einfach, denn unsere Charta verbietet uns Aktivismus und direkte politische Einflussnahme – eine durchaus schwere Bürde für Menschen wie mich, die mitunter gern lautere Forderungen stellen würden. Andere For‑Future‑Gruppen haben keine solche Charta, aber gerade dieses Spannungsfeld motiviert mich, denn hier ist gutes Formulieren besonders gefragt.

Welche Impulse möchten Sie Hochschulen wie der HSD im Hinblick auf Kommunikation und gesellschaftliche Verantwortung mitgeben?

Gerade in Zeiten wie diesen ist journalistisches Fachwissen, Public Relations und deren wissenschaftliche Grundlage stark gefordert. Desinformationskampagnen streben heute danach, Journalist*innen und Redaktionen unglaubwürdig zu machen. Wahrheit, Fakten und professionelle Arbeit stehen unter Beschuss, während von Oligarchen geförderte Portale gezielt Fake News streuen. Es ist die zentrale Aufgabe von Hochschulen, Kommunikation und Pressearbeit als Wissenschaft und Handwerk zu verstehen, zu unterrichten und auch selbst zu leben. 

Dementsprechend muss Kommunikation heute auch an Hochschulen als Stabsstelle verankert, gleichberechtigt neben Verwaltung, Lehre und Forschung stehen. Jede Hochschule sollte sich zudem für eine klare Kommunikationsstrategie entscheiden, die interne Information, Wissenschaftskommunikation und klassische Pressearbeit vereint. Nur wenn diese auch mit entsprechenden Ressourcen ausgestattet wird, ist die gesellschaftliche Verantwortung erreichbar, die im Leitbild von Hochschulen verankert ist. Für eine Hochschule wie die HSD ist es unerlässlich, sich gezielt zu positionieren, etwa wenn es um Klimaschutz, Gesundheit oder sozialen Zusammenhalt geht, auch und gerade durch eigene professionelle und wissenschaftlich fundierte Diskussionsbeiträge.

So wie Journalist*innen wie ich zwischen Techniker*innen und Manager*innen, zwischen Expert*innen und Bürger*innen „übersetze“, kommt beispielsweise auch der HSD eine relevante Rolle als Übersetzerin zwischen Forschung, Lehre und Praxis zu. Wissenschaftskommunikation sollte verständlich, knapp und alltagsrelevant sein – vom Abstract über die Pressemitteilung bis hin zum LinkedIn-Posting oder einem kurzen Video. 

Gleichzeitig braucht es Mut zu „stacheligeren“ Botschaften: also klar formulierte, wissenschaftlich fundierte Positionen, die gesellschaftliche Fehlentwicklungen benennen, ohne ins Aktivismus-Verbot von Wissenschaftsinstitutionen hineinzugeraten.

Welche Frage würden Sie sich selbst in Ihrer Rolle als Sprecher stellen – und warum?

„Warum machst du das trotz all der Aussichtslosigkeit? Fossile Konzerne, amerikanische Tech‑Milliardäre, Geheimdienste aus den USA und Russland versuchen doch alles, um Veränderungen zu blockieren und stärken damit rechte Parteien, die den Klimawandel leugnen und alle Maßnahmen verteufeln. Woher kommt dein Optimismus?“

Antwort: Es ist genau andersherum. Ich bin so enttäuscht von unserer Politik, unseren „Eliten“ und den „Macher*innen“, dass ich gar nicht anders kann, als selbst aktiv zu werden. Mir ist es extrem wichtig, den Menschen mitzuteilen, was andere – etwa fossile Konzerne – ihnen gezielt vorenthalten, weil sich mit ihrem Nichtwissen sehr gut Geld verdienen lässt. Dass dabei rücksichtslos unser Planet zerstört wird, macht mich immer wieder wütend – und ich habe einen Weg gefunden, diese Energie positiv zu kanalisieren.


Mehr Informationen über Scientists For FutureScientists for Future - S4F Deutschland (Website)

An der HSD ist Nachhaltigkeit mit sechs definierten Themenfeldern im Leitbild verankert: Nachhaltigkeit
 

Markus Feilner ist ehrenamtlicher Pressesprecher von Scientists for Future Deutschland und setzt sich mit viel persönlichem Engagement dafür ein, wissenschaftliche Perspektiven sichtbar zu machen. Der Linux- und Open-Source-Experte aus Regensburg verbindet seine langjährige Erfahrung als IT-Journalist, Coach und Keynote-Speaker mit einem klaren Fokus auf digitale Souveränität und verantwortungsvolle Kommunikation. Mit seiner eigenen Firma Feilner IT unterstützt er Organisationen dabei, offene Technologien sinnvoll einzusetzen und komplexe Inhalte verständlich zu vermitteln; zugleich bringt er dieses Profil seit kurzem auch als Europa-Korrespondent für digitale Souveränität beim IT-Magazin Golem ein.

Mehr über Markus Feilner: www.feilner-it.net

Markus Feilner im Gespräch über Wissenschaftskommunikation und gesellschaftliche Verantwortung. Foto: Markus Feilner / Feilner IT