HSD im Gespräch: Fee Kalter, Alumna und Buchautorin von „Nicht immer alles geben – Wie wir arbeiten ohne auszubrennen“

Du hast sowohl den Bachelor-, als auch den Masterstudiengang Psychologie an der HSD in Köln abgeschlossen, dich anschließend selbständig gemacht und ein Unternehmen gegründet. Welche Erfahrungen und Kompetenzen aus deinem Studium begleiten dich noch heute in deinem beruflichen Alltag?

Was mich bis heute besonders begleitet, ist der hohe Praxisbezug des Studiums. Wir haben früh gelernt, psychologische Konzepte nicht nur zu verstehen, sondern sie auf reale Fragestellungen und Projekte zu übertragen. Gerade die Arbeit an Stakeholder Projekten hat mir geholfen, Herausforderungen strategisch und gleichzeitig ganzheitlich zu betrachten.

Auch mein berufsbegleitender Master war prägend, weil ich gelernt habe, mit Schwierigkeiten umzugehen, Lösungen zu entwickeln und meinen eigenen Weg zu finden. Gleichzeitig konnte ich durch Praktika, Lehre und die Vielfalt der psychologischen Anwendungsfelder sehr unterschiedliche Bereiche kennenlernen. Das hat mir geholfen, herauszufinden, wo meine eigenen Stärken und Interessen liegen und meinen beruflichen Weg zunehmend selbstbestimmt zu gestalten.

Euer neues Buch heißt „Nicht immer alles geben. Wie wir arbeiten, ohne auszubrennen“. Welche Erfahrungen aus eurer gemeinsamen Arbeit haben euch dazu bewegt, dieses Buch zu schreiben?(Frage Umformuliert)

Das Buch ist im Grunde eine Verdichtung dessen, was wir jeden Tag in unserer Arbeit erleben. Wir begegnen immer wieder Menschen, die sehr viel leisten, sehr viel von sich verlangen und irgendwann merken, dass genau das sie an ihre Grenzen bringt. Gleichzeitig erleben wir, wie schwer es vielen fällt, sich selbst zu erlauben, auch einmal weniger zu geben.

Da Neşe und ich diese Themen seit Jahren gemeinsam begleiten und auch unser Unternehmen zusammen führen, war für uns ganz selbstverständlich, dieses Buch gemeinsam zu schreiben. Und ganz persönlich ist es natürlich etwas Besonderes, mit einer engen Freundin nicht nur ein Unternehmen aufzubauen, sondern jetzt auch ein gemeinsames Buch in den Händen zu halten.

Viele Menschen empfinden ihren Arbeitsalltag als verdichtet, fordernd und nur schwer mit ausreichender Erholung vereinbar. Welche Denk- und Verhaltensmuster führen deiner Erfahrung nach besonders häufig dazu, dass wir uns selbst überfordern?

Das ist natürlich eine sehr komplexe Frage. Ich sage gerne: Wir alle tragen einen Rucksack aus Erfahrungen, Erwartungen und Überzeugungen mit uns herum. Darin stecken Sätze wie „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ oder „Ohne Fleiß kein Preis“, aber auch Perfektionismus, ein starkes Verantwortungsgefühl oder die Vorstellung, dass der eigene Wert davon abhängt, wie viel man leistet. Wenn wir für genau dieses Verhalten immer wieder Anerkennung erfahren, kann es sich zusätzlich verfestigen.
Gleichzeitig dürfen wir Überforderung nicht zu einem rein individuellen Problem machen. Verdichtete Arbeit, ständige Erreichbarkeit, schnelle Veränderungen und verschwimmende Grenzen zwischen Beruf und Privatleben schaffen Bedingungen, unter denen Selbstbegrenzung immer schwieriger wird. Oft treffen also innere Antreiber auf äußere Strukturen, die genau diese Antreiber auch noch belohnen. Und diese Kombination kann auf Dauer sehr erschöpfend werden.

Du verbindest psychologisches Fachwissen mit deiner Erfahrung als Selbständige und Unternehmerin. Welche konkreten Impulse gibt dein Buch Menschen, die im Berufsalltag gesünder mit Leistungsdruck, Erwartungen und eigenen Ansprüchen umgehen möchten?

Unser Buch setzt ganz bewusst nicht erst beim individuellen Verhalten an. Zunächst schauen wir darauf, wie eine Arbeitskultur entstanden ist, in der viel leisten, durchhalten und ständig verfügbar sein häufig als selbstverständlich gelten. Im zweiten Schritt geht es um die eigene Rolle darin: Welche Ansprüche habe ich an mich? Woher kommen sie? Warum fällt es mir vielleicht schwer, Grenzen zu setzen oder Dinge auch einmal gut genug sein zu lassen?

Denn Veränderung beginnt häufig mit dem Verstehen der eigenen Muster. Danach geht es ganz konkret in die Alltagserprobung. Wir arbeiten im Buch mit Übungen, Reflexionsfragen und kleinen Experimenten. Zum Beispiel: Was passiert eigentlich, wenn ich eine Aufgabe heute nur zu 80 Prozent erledige? Was passiert, wenn ich eine Grenze setze, ohne mich ausführlich dafür zu rechtfertigen? Und kann ich lernen, Erholung nicht erst dann zuzulassen, wenn alles erledigt ist?

Es geht also nicht darum, von heute auf morgen alles anders zu machen. Es geht darum, die eigenen Automatismen zu erkennen und Schritt für Schritt neue Erfahrungen zu sammeln. Wie das konkret gelingen kann, dafür gibt es im Buch natürlich noch sehr viel mehr.

Am 13. Oktober kehrst du für eine Lesung zu uns an die HSD in Köln zurück. Welche Bedeutung hat dieser Termin für dich als Alumna – und worauf dürfen sich die Besucher*innen freuen?

Es ist schon etwas Besonderes, an einen Ort zurückzukehren, an dem ich selbst so viel Zeit verbracht habe, heute aber in einer ganz anderen Rolle. Als ich damals angefangen habe, Psychologie zu studieren, hätte ich mir vieles von dem, was ich heute beruflich mache, wahrscheinlich selbst nicht vorstellen können. Umso schöner finde ich es, vielleicht auch zu zeigen, wie viele unterschiedliche Wege aus einem Psychologiestudium entstehen können.Und ich glaube, die Besucher*innen dürfen sich vor allem auf einen ehrlichen und nahbaren Abend freuen. Auf neue Perspektiven, auf Momente, die vielleicht ein bisschen berühren, und sicherlich auch auf den einen oder anderen Lacher. Neşe und ich nehmen unsere Themen sehr ernst, uns selbst zum Glück etwas weniger. Und für mich persönlich ist es schön zu wissen, dass die HSD auch nach einigen Jahren noch ein vertrauter Ort ist, an den ich gerne zurückkomme.

Was möchtest du aktuellen Psychologie-Studierenden und Absolvent*innen der HSD mitgeben, die ihre fachliche Expertise nutzen möchten, um eigene berufliche Ideen zu verwirklichen oder gesellschaftlich relevante Themen voranzubringen?

Ich glaube, gerade heute ist es wichtiger denn je, gesellschaftlich relevante Themen besprechbar zu machen und die eigene fachliche Expertise dafür zu nutzen. Gleichzeitig leben und arbeiten wir in einer Zeit, die von vielen Unsicherheiten geprägt ist, und natürlich kann das auch lähmen. Ich möchte deshalb gar keinen künstlichen Optimismus vermitteln.

Was ich aber mitgeben möchte, ist der Mut, Dinge trotzdem weiterzudenken, Fragen zu stellen und sich für das einzusetzen, was man für wichtig hält. Gerade mit einem Psychologiestudium haben wir Wissen und Perspektiven, die gesellschaftlich etwas bewegen können. Und ich glaube, damit geht auch eine gewisse Verantwortung einher, die Möglichkeiten und Privilegien, die wir haben, tatsächlich zu nutzen und etwas daraus zu machen.

Die Lesung findet am 13. Oktober am HSD Campus Köln um 18:00 Uhr statt. Auf der Landingpage finden Sie weitere Informationen zu der Lesung.

Fee Kalter ist Psychologin (M.Sc.), Geschäftsführerin und Gründerin von NAP!. Ihre Arbeit dreht sich um die Frage, wie wir gesund, leistungsfähig und gleichzeitig menschlich miteinander arbeiten können. Dabei verbindet sie psychologisches Fachwissen mit langjähriger Erfahrung aus Beratung, Coaching, Lehre und Unternehmertum. Ihr Anliegen ist es, psychologisches Wissen so zu vermitteln, dass daraus echte Veränderung im (Arbeits)-Alltag entstehen kann.

Mehr über Fee Kalter: www.wearenap.de und www.feekalter.de

Fee Kalter, Alumna des Masterstudiengangs Psychologie an der HSD, liest am 13. Oktober 2026 am HSD Campus Köln gemeinsam mit ihrer Mitautorin Dr. Neşe Oktay-Gür aus dem Buch „Nicht immer alles geben. Wie wir arbeiten ohne auszubrennen“.