
Clinical Governance im Rettungsdienst: Qualität systematisch weiterentwickeln
Im Rahmen der rettungswissenschaftlichen Ringvorlesung „Wissen rettet Leben“ widmeten sich Sebastian Rösch, Marie Leistikow und Sascha Steingrobe (B. Sc. Paramedicine, Graduate Diploma in Critical Care) der Frage, wie Versorgungsqualität und Patientensicherheit im Rettungsdienst systematisch überprüft und weiterentwickelt werden können. Dabei trafen zwei Perspektiven aufeinander: die praktische Umsetzung von Clinical Governance im Rettungsdienst Kreis Nordfriesland und der Blick auf etablierte Strukturen im australischen Rettungswesen.
Sebastian Rösch leitet im Rettungsdienst des Kreises Nordfriesland das Sachgebiet medizinische Versorgung und studiert berufsbegleitend B.Sc. Rettungswissenschaften. Marie Leistikow ist Notfallsanitäterin, Praxisanleiterin und im Sachgebiet medizinische Versorgung für den Bereich „Qualität und Standards“ verantwortlich. Parallel studiert sie B.Sc. Physician Assistance. Sascha Steingrobe verfügt über mehr als 27 Jahre internationale Erfahrung als Intensive Care beziehungsweise Critical Care Paramedic und arbeitet seit über zwölf Jahren für den Queensland Ambulance Service.
Versorgung nach Bedarf statt nach Gewohnheit
Sebastian Rösch und Marie Leistikow zeigten zunächst, wie Clinical Governance in Nordfriesland in die rettungsdienstliche Praxis eingebunden wird. Eine zentrale Frage lautet dabei: Welche Versorgung benötigen Patient*innen tatsächlich?
Sebastian Rösch und Marie Leistikow erläuterten, Notfallsanitäter*innen sollten ihren vorhandenen Handlungsrahmen ausschöpfen und Entscheidungen auf Grundlage der konkreten Situation treffen. Eine notärztliche Versorgung sei dabei nicht automatisch die bessere Versorgung. Ebenso müsse ein Transport ins Krankenhaus medizinisch begründet sein. Die Analyse von Versorgungsdaten solle helfen, Entscheidungen nachvollziehbar zu machen und Ressourcen dort einzusetzen, wo sie tatsächlich benötigt würden. Dabei unterschieden die Referierenden zwischen formalem Handlungsrahmen, vorhandener Kompetenz und tatsächlicher Performanz im Einsatz. Ob Wissen und Fertigkeiten auch in komplexen Situationen sicher angewendet würden, lasse sich nicht allein aus einzelnen absolvierten Maßnahmen ableiten. Im Rettungsdienst Kreis Nordfriesland würden deshalb Ansätze entwickelt, die wiederholte Beobachtungen, strukturierte Rückmeldungen und reale Versorgungsdaten miteinander verbinden.
Gerade im B.Sc. Rettungswissenschaften, in dem viele Studierende ihre eigene Berufserfahrung aus dem Rettungsdienst in die wissenschaftliche Auseinandersetzung einbringen, knüpfte diese Verbindung von Versorgungspraxis und systematischer Reflexion unmittelbar an den Studienalltag an.
Aus Daten konkrete Veränderungen ableiten
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Frage, wie Qualität überprüft werden kann. Im Kreis Nordfriesland werden unter anderem Einsatzprotokolle ausgewertet. Dabei geht es nicht lediglich um eine Kontrolle der Dokumentation, sondern um die dahinterstehenden klinischen Entscheidungen.
Sebastian Rösch und Marie Leistikow erläuterten, geprüft würden beispielsweise die Beurteilung der Patient*innen, indizierte oder kontraindizierte Maßnahmen, Transportentscheidungen, die Nutzung notärztlicher Ressourcen sowie die Nachvollziehbarkeit der Dokumentation. Auffällige Kennzahlen dienten zunächst als Hinweis: Erst die Betrachtung des einzelnen Falls solle zeigen, ob eine individuelle Entscheidung, eine Wissenslücke oder ein strukturelles Problem vorliege. Daraus könnten Anpassungen von Fortbildungen, Standards oder Abläufen entstehen, deren Wirkung anschließend erneut überprüft werde.
Eng damit verbunden sei eine Fehlerkultur, die Lernen ermöglichen solle. Fehler und freiwillig gemeldete Verstöße würden grundsätzlich nicht mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen verbunden, sofern kein vorsätzliches Fehlverhalten vorliege. Stattdessen sollten wiederkehrende Muster erkannt und Ursachen analysiert werden.
Was der Blick nach Australien zeigt
Sascha Steingrobe ergänzte diese Perspektive mit Erfahrungen aus Australien. Dort bilden die National Safety and Quality Health Service Standards einen übergeordneten Rahmen für Clinical Governance in Ambulance Services. Verantwortlichkeiten, Patientensicherheit, klinische Leistung und Risikomanagement werden dabei als zusammenhängendes System betrachtet.
Am Beispiel des Queensland Ambulance Service erläuterte Sascha Steingrobe, wie klinische Entscheidungen durch Standards gerahmt werden, ohne den Handlungsspielraum der Paramedics vollständig vorzugeben. Audits und Leistungsdaten dienten dazu, Risiken und Abweichungen zu erkennen. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse würden wiederum in Richtlinien, Schulungen und klinische Praxis zurückfließen.
Den Grundgedanken fasste Sascha Steingrobe prägnant zusammen: „Gute Governance macht sichere klinische Praxis reproduzierbar.“
Clinical Governance erscheint damit weniger als einzelnes Instrument denn als fortlaufender Regelkreis: Standards werden vermittelt, in der Versorgung angewendet, anhand von Daten überprüft und bei Bedarf weiterentwickelt. In beiden Vorträgen wurde verdeutlicht, dass eine solche Struktur klare Verantwortlichkeiten erfordert – zugleich aber auch eine Kultur, in der Fragen, Rückmeldungen und Fehler offen angesprochen werden können.
Nächster Vortrag am 21. Oktober über Ergonomie im Rettungsdienst
In der nächsten Veranstaltung der Ringvorlesung beschäftigt sich Joachim Wilms (B. A. Pädagogik im Rettungsdienst, Master of Health Business Administration) mit körperlichen Belastungen im rettungsdienstlichen Alltag. Im Mittelpunkt stehen bislang wenig beachtete ergonomische Belastungsfaktoren sowie die Frage, wie objektive Messdaten genutzt werden können, um Arbeitsabläufe gezielt zu verbessern. Der Vortrag findet am 21. Oktober 2026 von 15:30 bis 17:00 Uhr online statt.
Anmeldung: Online-Vortrag „Ergonomie im Rettungsdienst“
Gesamtprogramm der Ringvorlesung Rettungswissenschaften 2026:
https://www.hs-doepfer.de/events/ringvorlesung-rettungswissenschaften-2026
Weitere Informationen zum Studiengang:
B.Sc. Rettungswissenschaften: https://www.hs-doepfer.de/studium/bsc-rettungswissenschaften


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