Im Rahmen der digitalen Ringvorlesung Rettungswissenschaften 2026 beleuchtete Jochen Hanisch in seinem Online-Vortrag, wie Auszubildende im Rettungsdienst pädiatrische Patient*innen in einem Gewalt-Szenario wahrnehmen – und welche Rolle dabei Wahrnehmungsunterschiede spielen. Hanisch ist Bildungswissenschaftler und Systemischer Berater und promoviert derzeit an der Berliner Charité. Seine Arbeit ist geprägt von Dialog, Perspektivwechsel, wissenschaftlicher Praxisnähe und dem Anspruch, Bildung mit neuen didaktischen Ansätzen weiterzuentwickeln.
Eye-Tracking macht Wahrnehmungsspuren sichtbar
Ausgangspunkt des Vortrags waren Eye-Tracking-Daten aus dem Promotionsprojekt des Referenten, in dem Auszubildende im Rettungsdienst ein videobasiertes pädiatrisches Gewalt-Szenario bearbeiteten. Anhand von Heatmaps und Fog-View-Visualisierungen zeigte Hanisch, wie sich Blickbewegungen räumlich verdichten und welche Bildbereiche von den Teilnehmenden sichtbar „freigelegt“ werden.
Ein zentrales Ergebnis: Eye-Tracking-Visualisierungen können sichtbar machen, dass dieselbe fallbezogene Aufgabe unterschiedliche Wahrnehmungsspuren erzeugt. In der Auswertung zeigte sich Aufmerksamkeit einerseits als Relevanzverdichtung im kindbezogenen Bereich – mit stärkerer Blickfokussierung auf Gesicht, unmittelbares Umfeld und Verletzlichkeit des Kindes – und andererseits als szenische Erschließung des Umfelds, bei der Lage, Kontext und räumliche Einbettung stärker in den Blick rücken. Für Teams im Rettungsdienst ist es entscheidend, diese unterschiedlichen Wahrnehmungsspuren zusammenzuführen, um sowohl den Zustand des Kindes als auch die situativen Rahmenbedingungen angemessen zu berücksichtigen.
Wahrnehmungsunterschiede und Teamarbeit
Auf Basis der aggregierten Eye-Tracking-Daten zeigte der Vortrag, dass sich weibliche und männliche Auszubildende in ihren Blickmustern im kindbezogenen Wahrnehmungsareal unterscheiden. Während sich in der weiblichen Gesamtspur die Warm- und Rotanteile im Bereich von Gesicht und kindnaher Umgebung deutlicher verdichten, ist das kindbezogene Areal in der männlichen Gesamtspur im Fog-View etwas breiter sichtbar und stärker als Teil der gesamten Szene erschlossen. Hanisch fasste diese beiden Wahrnehmungsleistungen über die Arbeitsbegriffe „Relevanzverdichtung“ (fokussierte Aufmerksamkeit auf das verletzliche Kind) und „szenische Erschließung“ (Breite der erschlossenen Lage) zusammen.
Damit verknüpfte er theoretische Bezugsrahmen aus der Situational-Awareness-Forschung, der Teamarbeit in High-Responsibility-Teams sowie dem After Action Review. Wahrnehmung sei der erste Schritt von Situational Awareness und organisiere, welche Handlungsoptionen in den Blick geraten, insbesondere in pädiatrischen Gewalt-Szenarien mit hoher Dringlichkeit, Verletzlichkeit und Schutzbedarf. Für Teams leitete Hanisch drei Konsequenzen ab: Wahrnehmung ist verteilbar, deutungsbedürftig und handlungsnah – sie wird zur Ressource, wenn sie ausgesprochen, geteilt und gemeinsam geordnet wird.
Dazu formulierte er den zentralen Gedanken: „Wenn Aufmerksamkeit sichtbar wird, sehen wir, wie schnell aus Wahrnehmung Deutung entsteht. Genau dort beginnt professionelle Teamarbeit: beim gemeinsamen Prüfen, Ordnen und Besprechen dessen, was Einzelne wahrgenommen haben.“ Anhand von Beispielen aus Ausbildungssituationen diskutierte er, wie Teammitglieder ihre unterschiedlichen Sichtweisen in die gemeinsame Lageeinschätzung einbringen können und wie sich diese Prozesse im Einsatz und in der Nachbesprechung (After Action Review) systematisch aufgreifen lassen.
Implikationen für Ausbildung und Praxis
Im zweiten Teil des Vortrags leitete Hanisch konkrete Implikationen für Ausbildung, Einsatzteams, Führung und After Action Reviews ab. In der Ausbildung gehe es darum, Blick- und Deutungsprozesse explizit zu machen und gemeinsam zu besprechen, um eine reflektierte Wahrnehmung pädiatrischer Gewalt-Situationen zu fördern. Einsatzteams sind gefordert, unterschiedliche Wahrnehmungsspuren aktiv einzuholen und die Lagewahrnehmung zu strukturieren, bevor Handlungsentscheidungen verdichtet werden. Für Führungskräfte und in strukturierten AAR-Formaten könne es hilfreich sein, systematisch zu fragen: Was wurde wahrgenommen? Welche Deutungen entstanden? Und was folgt daraus für das nächste gemeinsame Handeln?
Für die Teilnehmenden der Ringvorlesung ergab sich daraus ein konkreter Nutzen: Sie konnten anhand der Bilddaten nachvollziehen, wie subtile Unterschiede in der Wahrnehmung pädiatrischer Gewalt-Szenarien Teamentscheidungen und Kommunikation beeinflussen – und wie sich diese Prozesse in Ausbildung und Einsatzpraxis bewusster gestalten lassen.
Nächster Vortrag am 10. Juni 2026 um 15:30 Uhr
Prof. Dr. Thomas Gehr, Professor für Klinische Pflege an der HSD, widmet sich am 10. Juni 2026 um 15:30 Uhr dem Thema „Nicht einfach nur alt – Spezifische Assessments und Strukturen für eine alternde Gesellschaft“. Er zeigt, wie der Rettungsdienst durch praxisnahe Screening-Tools und Wissen um moderne geriatrische Versorgungsstrukturen entscheidende Weichen für den Behandlungspfad älterer Patient*innen stellen kann: Zur Anmeldung
Ringvorlesung Rettungswissenschaften 2026: Gesamtprogramm











